24.3.20

LEBEN ALLEIN GENÜGT NICHT

"Leben allein genügt nicht, sagte der Schmetterling, Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume muß man auch haben."
Hans Christian Andersen
(1805 - 1875), dänischer Märchendichter

19.3.20

14.3.20

WIE WUNDERVOLL

Wie wundervoll sind diese Wesen,
Die, was nicht deutbar, dennoch deuten,
Was nie geschrieben wurde, lesen,
Verworrenes beherrschend binden
Und Wege noch im Ewig-Dunkeln finden.

Hugo von Hofmannsthal: Der Tor und der Tod (1893)


Hofmannsthal, April 1901

3.3.20

WINDSCHIEF im MÄRZ - CANCELLED

Rezepte gegen Grippe


Beim ersten Herannahen der Grippe, erkennbar an leichtem Kribbeln in der Nase, Ziehen in den Füßen, Hüsteln, Geldmangel und der Abneigung, morgens ins Geschäft zu gehen, gurgele man mit etwas gestoßenem Koks sowie einem halben Tropfen Jod. Darauf pflegt dann die Grippe einzusetzen.
Die Grippe – auch ›spanische Grippe‹, Influenza, Erkältung (lateinisch: Schnuppen) genannt – wird durch nervöse Bakterien verbreitet, die ihrerseits erkältet sind: die sogenannten Infusionstierchen. Die Grippe ist manchmal von Fieber begleitet, das mit 128° Fahrenheit einsetzt; an festen Börsentagen ist es etwas schwächer, an schwachen fester – also meist fester. Man steckt sich am vorteilhaftesten an, indem man als männlicher Grippekranker eine Frau, als weibliche Grippekranke einen Mann küßt – über das Geschlecht befrage man seinen Hausarzt. Die Ansteckung kann auch erfolgen, indem man sich in ein Hustenhaus (sog. ›Theater‹) begibt; man vermeide es aber, sich beim Husten die Hand vor den Mund zu halten, weil dies nicht gesund für die Bazillen ist. Die Grippe steckt nicht an, sondern ist eine Infektionskrankheit.
Sehr gut haben meinem Mann ja immer die kalten Packungen getan; wir machen das so, daß wir einen heißen Grießbrei kochen, diesen in ein Leinentuch packen, ihn aufessen und dem Kranken dann etwas Kognak geben – innerhalb zwei Stunden ist der Kranke hellblau, nach einer weiteren Stunde dunkelblau. Statt Kognak kann auch Möbelspiritus verabreicht werden.
Fleisch, Gemüse, Suppe, Butter, Brot, Obst, Kompott und Nachspeise sind während der Grippe tunlichst zu vermeiden – Homöopathen lecken am besten täglich je dreimal eine Fünf-Pfennig-Marke, bei hohem Fieber eine Zehn-Pfennig-Marke.
Bei Grippe muß unter allen Umständen das Bett gehütet werden – es braucht nicht das eigene zu sein. Während der Schüttelfröste trage man wollene Strümpfe, diese am besten um den Hals; damit die Beine unterdessen nicht unbedeckt bleiben, bekleide man sie mit je einem Stehumlegekragen. Die Hauptsache bei der Behandlung ist Wärme: also ein römisches Konkordats-Bad. Bei der Rückfahrt stelle man sich auf eine Omnibus-Plattform, schließe aber allen Mitfahrenden den Mund, damit es nicht zieht.
Die Schulmedizin versagt vor der Grippe gänzlich. Es ist also sehr gut, sich ein siderisches Pendel über den Bauch zu hängen: schwingt es von rechts nach links, handelt es sich um Influenza; schwingt es aber von links nach rechts, so ist eine Erkältung im Anzuge. Darauf ziehe man den Anzug aus und begebe sich in die Behandlung Weißenbergs. Der von ihm verordnete weiße Käse muß unmittelbar auf die Grippe geschmiert werden; ihn unter das Bett zu kleben, zeugt von medizinischer Unkenntnis sowie von Herzensroheit.
Keinesfalls vertraue man dieses geheimnisvolle Leiden einem sogenannten ›Arzt‹ an; man frage vielmehr im Grippefall Frau Meyer. Frau Meyer weiß immer etwas gegen diese Krankheit. Bricht in einem Bekanntenkreis die Grippe aus, so genügt es, wenn sich ein Mitglied des Kreises in Behandlung begibt – die andern machen dann alles mit, was der Arzt verordnet. An hauptsächlichen Mitteln kommen in Betracht:
Kamillentee. Fliedertee. Magnolientee. Gummibaumtee. Kakteentee.
Diese Mittel stammen noch aus Großmutters Tagen und helfen in keiner Weise glänzend. Unsere moderne Zeit hat andere Mittel, der chemischen Industrie aufzuhelfen. An Grippemitteln seien genannt:
Aspirol. Pyramidin. Bysopeptan. Ohrolax. Primadonna. Bellapholisiin. Aethyl-Phenil-Lekaryl-Parapherinan-Dynamit-Acethylen-Koollomban-Piporol. Bei letzterem Mittel genügt es schon, den Namen mehrere Male schnell hintereinander auszusprechen. Man nehme alle diese Mittel sofort, wenn sie aufkommen – solange sie noch helfen, und zwar in alphabetischer Reihenfolge, ch ist ein Buchstabe. Doppelkohlensaures Natron ist auch gesund.
Besonders bewährt haben sich nach der Behandlung die sogenannten prophylaktischen Spritzen (lac, griechisch; so viel wie ›Milch‹ oder ›See‹). Diese Spritzen heilen am besten Grippen, die bereits vorbei sind – diese aber immer.
Amerikaner pflegen sich bei Grippe Umschläge mit heißem Schwedenpunsch zu machen; Italiener halten den rechten Arm längere Zeit in gestreckter Richtung in die Höhe; Franzosen ignorieren die Grippe so, wie sie den Winter ignorieren, und die Wiener machen ein Feuilleton aus dem jeweiligen Krankheitsfall. Wir Deutsche aber behandeln die Sache methodisch.
Wir legen uns erst ins Bett, bekommen dann die Grippe und stehen nur auf, wenn wir wirklich hohes Fieber haben: dann müssen wir dringend in die Stadt, um etwas zu erledigen. Ein Telefon am Bett von weiblichen Patienten zieht den Krankheitsverlauf in die Länge.
Die Grippe wurde im Jahre 1725 von dem englischen Pfarrer Jonathan Grips erfunden; wissenschaftlich heilbar ist sie seit dem Jahre 1724.
Die glücklich erfolgte Heilung erkennt man an Kreuzschmerzen, Husten, Ziehen in den Füßen und einem leichten Kribbeln in der Nase. Diese Anzeichen gehören aber nicht, wie der Laie meint, der alten Grippe an – sondern einer neuen. Die Dauer einer gewöhnlichen Hausgrippe ist bei ärztlicher Behandlung drei Wochen, ohne ärztliche Behandlung 21 Tage. Bei Männern tritt noch die sog, ›Wehleidigkeit‹ hinzu; mit diesem Aufwand an Getue kriegen Frauen Kinder.
Das Hausmittel Cäsars gegen die Grippe war Lorbeerkranz-Suppe; das Palastmittel Vanderbilts ist Platinbouillon mit weichgekochten Perlen.
Und so fasse ich denn meine Ausführungen in die Worte des bekannten Grippologen Professor Dr. Dr. Dr. Ovaritius zusammen:
Die Grippe ist keine Krankheit – sie ist ein Zustand –!

Peter Panter

Vossische Zeitung, 03.02.1931, Nr. 28.

NÄCHSTES TREFFEN IST AM 03. APRIL - BEI BESTER GESUNDHEIT ALLERSEITS

14.2.20

13.2.20

WINDSCHIEF B78 (+ M12)

Um welches Buch ging es am 07. 02. 2020?

Yoko Tawada - Das nackte Auge

Etwas über die Autorin:

Yoko Tawada kommt 1960 in Tokio zur Welt. Sie lebt jetzt in Berlin und schreibt auf Deutsch und Japanisch. 






















Kurz zusammengefasst oder der Stoff der Geschichte:

Eine sechzehnjährige Schülerin aus Saigon wird 1988 in die DDR eingeladen. Von dort aus wird sie von einem Westdeutschen gegen ihren Willen aus dem Osten in den Westen entführt, weil dieser glaubt, so sei es besser für sie. Zunächst ist sie in Bochum. Von Bochum aus ergreift sie die Flucht und nimmt den Zug - Moskau als Ziel. Über Moskau möchte sie weiter nach Vietnam. Aus irgendeinem Grund irrt sie sich, fährt in die gegengesetzte Richtung und strandet in Paris. In der Metropole an der Seine ist sie eine Illegale. Wohnt bei einer Frau aus Vietnam, welche sie durch Zufall im Zug kennenlernt. Um ihrem realen ziellosen Leben zu entkommen, flüchtet sie ins Kino und schließt einen imaginären Bund mit Catherine Fabienne Deneuve. 

Atmosphäre:

Die Hauptfigur ist verloren, ausgeliefert und ohne jegliche Gegenwehr. Sie irrlichtert durch das Leben.

Der Anfangssatz:

"Ein gefilmtes Auge, angeheftet an einem bewusstlosen Körper."


Ein Gedicht der Autorin:

Die zweite Person Ich

Als ich dich noch siezte,
sagte ich ich und meinte damit 
mich.
Seit gestern duze ich dich,
weiß aber noch nicht.
wie ich mich umbennen soll.

Was dachten wir über das Buch:

Wenn man es mag, dann sehr - aber die meisten von uns hat das Buch nicht angesprochen -  manchmal kaum erträglicher an der Psychose schrammender Text. Manch einer dekodiert das als Poesie. 

Vielleicht aber lasen wir ja das falsche Buch einer durchaus interessanten Autorin?! 


Die vorgeschlagenen Bücher sind:


A.P.

U.J.

D.E.

S.B.

K.M.

R.W.

P.P.



das zu lesende Buch / das Gewinnerbuch für das nächste Treffen

GUNNAR HEINSOHN - SÖHNE UND WELTMACHT





Das nächste windschiefe Treffen ist am:



06. März um c.t. 19:00

7.2.20

22.1.20

DAS TAGEBUCH DER

ANNE FRANK


8.1.20

IT'S NOT

a van Gogh

© ???

6.1.20

WINDSCHIEF B77 + M12 = 89

Um welches Buch ging es am 03. November?

Pique Dame von Alexander Puschkin


Worte zum Autor:























Geboren wird Puschkin am 06. Juni 1799 in Moskau. Er stirbt am 10. Februar 1837 in St. Petersburg. Zwei Tage nach einem Schuss in den Bauch während eines Duells mit seinem Schwager. Puschkins Leben war kurz. Doch sein geniales Werk machte ihn zu DEM Nationaldichter Russlands. 


Kurze Zusammenfassung:
Pique Dame ist eine Novelle. Sie erscheint im Jahre 1834. Die Geschichte handelt von einem jungen Mann namens Hermann, der beim Kartenspiel ein Vermögen gewinnen will. Dabei geht es aber auch um die Motive List, Liebe, Verrat und allem voran um Habgier. Traumelemente werden mit Realität verwoben. 


Erster Satz: 
Bei Narumow, einem Offizier der Gardekavallerie, spielte man Karten. 


Unser Fazit:
Ein kurzes Werk der Weltliteratur, das zwischen Realität und phantastischer Ebene changiert. 


Nächstes Treffen:
07. Februar um c.t. 7 p.m.


Die Vorschläge:

P. P.
Marshall Goldsmith - Was Sie hierher gebracht hat, wird Sie nicht weiterbringen

K. M.
Marek Hlasko - Alle hatten sich abgewandt

U. J.
Saša Stanišić - Herkunft

S. B.
Yoko Tawada - Das nackte Auge

D. E.
Heinrich Steinfest - Gebrauchsanweisung fürs Scheitern

R. W.
Alan Bennett - Die souveräne Leserin

A. B.
Ian McEwan - Maschinen wie ich



Das Buch, das darauf wartet gelesen zu werden, ist:

Yoko Tawada - Das nackte Auge




1.1.20

THE READER

© Rodger Jacobsen The Reader, 2017 Sculpture 
9.5 x 8 x 5 in bronze

30.12.19

ICH KANN ...

© PNP



"Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll."

Georg Christoph Lichtenberg - Sudelbücher Heft K 293

28.12.19

MEINE BIBLIOTHEK...

„Meine Bibliothek ist ein Archiv der Sehnsüchte.“
- Susan Sontag geb. Rosenblatt - 
(16. Januar 1933 - 28. Dezember 2004)

19.12.19

ROTKÄPPCHEN

© unknown :-(
Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Sammet und weil ihm das so wohl stand, und es nichts anderes mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen. Eines Tages sprach seine Mutter zu ihm: »Komm, Rotkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter hinaus; sie ist krank und schwach und wird sich daran laben. Mach dich auf, bevor es heiß wird, und wenn du hinauskommst, so geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du und zerbrichst das Glas und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, so vergiß nicht guten Morgen zu sagen und guck nicht erst in alle Ecken herum.«
»Ich will schon alles gut machen,« sagte Rotkäppchen zur Mutter, und gab ihr die Hand darauf. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rotkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf. Rotkäppchen aber wußte nicht was das für ein böses Tier war und fürchtete sich nicht vor ihm. »Guten Tag, Rotkäppchen,« sprach er. »Schönen Dank, Wolf.« »Wohinaus so früh, Rotkäppchen?« »Zur Großmutter.« »Was trägst du unter der Schürze?« »Kuchen und Wein, gestern haben wir gebacken, da soll sich die kranke und schwache Großmutter etwas zu gute thun und sich damit stärken.« »Rotkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?« »Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus, unten sind die Nußhecken, das wirst du ja wissen,« sagte Rotkäppchen. Der Wolf dachte bei sich: »Das junge zarte Ding, das ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als die Alte; du mußt es listig anfangen, damit du beide erschnappst.« Da ging er ein Weilchen neben Rotkäppchen her, dann sprach er: »Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die ringsumher stehen, warum guckst du dich nicht um? ich glaube du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? du gehst ja für dich hin als wenn du zur Schule gingst, und ist so lustig haußen in dem Wald.«
Rotkäppchen schlug die Augen auf, und als es sah wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten, und alles voll schöner Blumen stand, dachte es: »Wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, der wird ihr auch Freude machen: es ist so früh am Tage, daß ich doch zu rechter Zeit ankomme,« lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meinte es, weiter hinaus stände eine schönere, und lief danach, und geriet immer tiefer in den Wald hinein. Der Wolf aber ging geradeswegs nach dem Hause der Großmutter und klopfte an die Thür. »Wer ist draußen?« »Rotkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf.« »Drück nur auf die Klinke,« rief die Großmutter, »ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen.« Der Wolf drückte auf die Klinke, die Thür sprang auf und er ging, ohne ein Wort zu sprechen, gerade zum Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann that er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.
Rotkäppchen aber war nach den Blumen herumgelaufen, und als es so viel zusammen hatte, daß es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wunderte sich, daß die Thür aufstand, und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so seltsam darin vor, daß es dachte: »Ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mir's heute zu Mut, und bin sonst so gern bei der Großmutter!« Es rief: »Guten Morgen,« bekam aber keine Antwort. Darauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück; da lag die Großmutter, und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. »Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!« »Daß ich dich besser hören kann.« »Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!« »Daß ich dich besser sehen kann.« »Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!« »Daß ich dich besser packen kann.« »Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!« »Daß ich dich besser fressen kann.« Kaum hatte der Wolf das gesagt, so that er einen Satz aus dem Bett und verschlang das arme Rotkäppchen.
Wie der Wolf sein Gelüsten gestillt hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und fing an überlaut zu schnarchen. Der Jäger ging eben an dem Hause vorbei und dachte: »Wie die alte Frau schnarcht, du mußt doch sehen, ob ihr etwas fehlt.«
Da trat er in die Stube, und wie er vor das Bett kam, so sah er, daß der Wolf darin lag. »Finde ich dich hier, du alter Sünder,« sagte er, »ich habe dich lange gesucht.« Nun wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein, der Wolf könnte die Großmutter gefressen haben, und sie wäre noch zu retten; schoß nicht, sondern nahm eine Schere und fing an dem schlafenden Wolf den Bauch aufzuschneiden. Wie er ein paar Schnitte gethan hatte, da sah er das rote Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen heraus und rief: »Ach, wie war ich erschrocken, wie war's so dunkel in dem Wolf seinem Leib!« Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und konnte kaum atmen. Rotkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er gleich niedersank und sich totfiel.
Da waren alle drei vergnügt; der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und ging damit heim, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein, den Rotkäppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder, Rotkäppchen aber dachte: »Du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dir's die Mutter verboten hat.«

Es wird auch erzählt, daß einmal, als Rotkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Wege habe ableiten wollen. Rotkäppchen aber hütete sich und ging gerade fort seines Wegs und sagte der Großmutter, daß es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: »Wenn's nicht auf offener Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen.« »Komm,« sagte die Großmutter, »wir wollen die Thür verschließen, daß er nicht herein kann.« Bald danach klopfte der Wolf an und rief: »Mach auf, Großmutter, ich bin das Rotkäppchen, ich bring dir Gebackenes.« Sie schwiegen aber still und machten die Thür nicht auf; da schlich der Graukopf etliche Male um das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten bis Rotkäppchen abends nach Haus ginge, dann wollte er ihm nachschleichen und wollt's in der Dunkelheit fressen. Aber die Großmutter merkte, was er im Sinn hatte. Nun stand vor dem Hause ein großer Steintrog, da sprach sie zu dem Kinde: »Nimm den Eimer, Rotkäppchen, gestern habe ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog.« Rotkäppchen trug so lange, bis der große, große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase, er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, daß er sich nicht mehr halten konnte und anfing zu rutschen; so rutschte er vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein und ertrank. Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Haus, und that ihm niemand etwas zuleide.

11.12.19

MITTEN IM WINTER...



... habe ich in mir einen unbesiegbaren Sommer entdeckt.
(Camus)

9.12.19

WINDSCHIEF B76

Um welches Buch ging es am 06. Dezember?

Klaus Mann - MEPHISTO - Roman einer Karriere



Erst aber ein paar Worte zum Autor: Klaus Mann 1906 - 1949

Katia Mann und Thomas Mann erfreuen sich am 18. November 1906 in München der Geburt ihres ersten Sohnes Klaus. Es wird ein Leben für die Freiheit, für die ausgelebte Homosexualität, für das Schreiben, aber auch ein Kampf gegen die Drogensucht mit etlichen Entziehungskuren, gegen den übermächtigen "Zauberer" so nennt die Familie seinen Vater Thomas Mann und gegen die widerwärtigen Faschisten. Lang andauernde Seelenqual, Misserfolge als Schriftsteller, finanzielle Not und die damit verbundene Abhängigkeit vom Elternhaus und wohl auch die quälend-nagende Einsamkeit der Emigration. Das lässt trotzdem nur vermuten, warum "Eissi", so sein Spitzname, am 29. Mai 1949 in Cannes eine Überdosis Schlaftabletten nimmt. 
Jedenfalls kann man sagen - war dieses Leben voller Speed. 

Zitat des Autors:
"Überall werde ich ein Fremdling sein. Ein Mensch meiner Art ist stets und allüberall einsam." 


Kurze Zusammenfassung des Buches:
"Alle Personen dieses Buches stellen Typen dar, nicht Porträts." So steht es am Ende des Romans. 
Und der Typ um den es sich in diesem Buch dreht, heißt Hendrik Höfgen und die darin beschriebenen zehn Jahre seines Lebens. Die Geschichte beginnt im Jahre 1926 und endet 1936. Angefangen als Schauspieler am Hamburger Künstlertheater bis zum Theaterintendanten und dem mächtigsten Theatermann im sog. Dritten Reich und dem wohl glaubwürdigsten Mephisto des Naziregimes. Ein überschaubarer Zeitabschnitt in dem ein Mann mit dem Teufel einen Pakt schließt auf diesem Weg zunächst seine menschlichen Werte verrät und diese dann gänzlich verliert. Klaus Mann beschreibt wie jemand, der deutliche Züge von Gustaf Gründgens hat, sich zum Clown der faschistischen Meuchelmörder macht. Alles wegen Karriere, Ruhm & Geltungssucht.  
 

Zitate aus dem Buch:
das ganze Buch ist ein Zitat 


Unser Fazit:
Ein großer, brillant geschriebener Roman. Die hellsichtige Draufsicht auf das ungeheuerliche Treiben ihrer Protagonisten in dieser dunklen Zeit. Bereits 1936 in den Niederlanden veröffentlicht. In der BRD per Gericht verboten. Jetzt wieder zu haben.  

UNBEDINGT LESEN UND VERSCHENKEN!


atmosphärische Schnipsel:
- kalt und präzise beobachtet dieses aasige Lächeln in Hendriks Gesicht 
- fesselnder Stoff 
- man weiß sich eben zu arrangieren im Leben: vom "Bolschewiken" zum Nazi-Superstar und einige Jahre danach, in Stuttgart am Theater nach der Vorstellung, zeigt Gründgens den Hitlergruß (natürlich in der Maske des Mephisto).

Wer mehr dazu lesen will - HIER



NÄCHSTES TREFFEN IST AM:

03. JANUAR um c.t. 19:00:


UND HIER DIE VORSCHLÄGE:

S.B.



AND THE WINNER IS: 
Puschkin - Pique Dame