20.5.17

7.5.17

WINDSCHIEF B49

Welches Buch beschäftigte uns?




















Über den Autor:

© Foto: dpa Picture-Alliance / Erwin Els













Die ersten Sterne seines Lebens erblickte Wolfgang Herrndorf am 12. Juni 1965 in der Hansestadt Hamburg. Er schrieb, illustrierte und malte. Gewann etliche Literaturpreise. Anfang des Jahres 2010 bekam er die erschütternde Diagnose - man entdeckte ein Glioblastom"Bilder deiner großen Liebe" ist Herrndorfs letztes Buch, das er eine Woche vor seinem Tod dem Verlag zu veröffentlichen erlaubte.

Am 26. August 2013 beendete Wolfgang Hernndorf selbstbestimmt sein Leben. 


Kurz zusammengefasst:

Ein unvollendeter Coming-of-Age-Episodenroman über ein vierzehnjähriges Mädchen namens Isa (man erinnere sich an TSCHICK), die auf ihrer Flucht aus der Psychiatrie einigen schrägen Menschen begegnet. Ein Außenseiterroman - durch und durch

Warum sollte man das Buch lesen?

Wenn man Herrndorfs Art zu schreiben mag - sollte man sich dieses Buch nicht entgehen lassen. 


Atmosphäre:

schnoddrig und schräg


Die ersten Sätze:

Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.
Weil das viele Leute denken, dass sie superkomplettbescheuert sind, die Verrückten, nur weil sie komisch rumlaufen und schreien und auf den Gehweg kacken und was nicht alles. Und das ist ja auch so. Aber so fühlt es sich nicht an, jedenfalls nicht von innen, jedenfalls nicht immer.


Zitate aus dem Buch:

"Ich komme aus der Scheiße, und in die Scheiße gehe ich irgendwann auch wieder. Aber zwischendurch werde ich berühmt."
Er lacht.
"Und wie willst du berühmt werden? Was kannst du denn, womit du berühmt werden willst?"
"Man muss gar nichts können. Viele sind ja einfach so berühmt, ohne was gut zu können. Serienmörder können auch meistens nichts Besonderes. Ein Brotmesser reicht."


Unser Fazit:

Einige von uns lasen das Buch sehr gerne, lobten die abgehackte Sprache und die Atmosphäre.
Einigen von uns gefiel es nicht. 

Doch ausnahmsweise spielen hier die Gründe nur eine geringe bis gar keine Rolle. In Anbetracht dessen, dass es von Wolfgang Herrndorf in den letzten Stunden seines Lebens fertiggestellt wurde, entzieht sich jegliche Kritik.

Man muss Bilder deiner großen Liebe nicht unbedingt lesen, aber was man lesen muss, ist sein Buch oder das Blog "Arbeit und Struktur"

Danke dafür Wolfgang Herrndorf.

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Und hier zu den Vorschlägen für das nächste Treffen


P.P. 
Yuval Harari - Homo Deus 
(lief aufgrund seines Umfanges S. 567 ausser Konkurrenz)

HIER ein sehr interessantes Interview mit dem Autor

R.W. 
Ágota Kristóf - Das große Heft

A.P.
Lilly King - Euphoria

J.K. & K.D.
Han Kang - Die Vegetarierin

A.B.
Robert Seethaler - Der Trafikant

U.J.
Edouard Louis - Ende von Eddy



Die Wahl fiel auf

Robert SeethalerDer Trafikant 
(ist auch als Hörfassung erhältlich)




AUFGEPASST TERMINÄNDERUNG!!!

nächstes Treffen ist 

am: 16. Juni 
um: 19:00 c.t.
Ort: bekannt

(neue Regelung: pro Jahr kann ein Termin einmal geschoben werden)


JULI IST SOMMERPAUSE

1.5.17

22.4.17

WEEKEND

© Simon Prades

19.4.17

ONKEL FESTER

LIEST:

STRANGE MEN AND THE WOMEN WHO AVOID THEM 
BY
DR. RACHEL FARAONE

10.4.17

WINDSCHIEF B48

Welches Buch beschäftigte uns?

COSMOPOLIS





















Über den Autor:

©unknown - Don DeLillo














Donald Richard "Don" DeLillo. Jahrgang 1936. Sohn italienischer Einwanderer erblickt in New York das Licht der Welt. Er studiert Philosophie und Theologie und verdingt sich als Werbetexter. Seiner Meinung nach kam der Start Romane zu schreiben zu spät. „Ich wünschte, ich hätte früher begonnen, aber offenbar war ich noch nicht bereit. Erstens hatte ich keinen Ehrgeiz, ich mag Romane im Kopf gehabt haben, aber sehr wenig auf dem Papier und keine persönlichen Ziele, keinen brennenden Wunsch, etwas bestimmtes zu erreichen. Zweitens hatte ich keine Ahnung worauf es ankommt, um ein ernsthafter Schriftsteller zu werden. Ich habe lange gebraucht, um das zu entwickeln.“
Das hat die literarische Welt nicht daran gehindert sein umfangreiches schriftstellerisches Werk vielfach zu prämieren. DeLillo lebt in New York. 


Kurz zusammengefasst:
Ein Tag im April des jungen und erfolgreichen Börsenspekulanten Eric Packer an dem sein Leben BUMM macht.


Warum sollte man das Buch lesen? 
Weil DeLillos Sprache einzigartig ist.


Atmosphäre:
kühl, scharf, umspannend


Die ersten Sätze:
Der Schlaf ließ ihn jetzt öfter im Stich, nicht ein oder zwei Mal die Woche, sondern vier Mal, fünf. Was tat er, wenn das passierte? Er machte keine langen Spaziergänge in die aufziehende Abenddämmerung hinein. Kein Freund war im so nah, dass er ihn mit einem Anruf belästigen wollte. Was hatte er sagen sollen? Es ging um Momente des Schweigens, nicht um Worte. 


Zitat aus dem Buch:
Er fuhr mit dem Fahrstuhl, in dem Satie erklang, in die Marmoreingangshalle. Seine Prostata war asymmetrisch. Er ging nach draußen und überquerte die Avenue, dann drehte er sich um und betrachtete das Gebäude, in dem er wohnte.


Unser Fazit:
Leider ist die Geschichte platt und glatt. Die Charaktere zu wenig plastisch. Das Thema vergilbt, weil zu oft gehört, gesehen und gelesen. Ein Stationendrama. Die Stretchlismousine, die sich samt Packer und Fahrer Schrägstrich Leibwächter durch New York rollt. Sex, Politik und - Thrill. Zu sehr am Reißbrett konstruiert. 
Doch bleibt da eins, was schwer zu toppen ist - DeLillos Sprache. Und deshalb bekommt das Buch - trotz der erwähnten Schwächen - 
das Prädikat: wertvoll.  



Die Vorschläge zum nächsten Treffen:

P.P.

A.B.

C.K. 

C.G.
---


Die Entscheidung fiel auf: 


Nächster windschiefer Abend - das Buch gelesen und mit einem Vorschlag (nicht mehr als 350 Seiten) im Gepäck, denn ... wir sind eine Lese- und KEINE Käsegruppe.

Am 05. Mai 2017 um c.t. 19:00

8.4.17

3.4.17

PAUL ANTSCHEL

AKA PAUL CELAN

11.3.17

6.3.17

WINDSCHIEF B47

Welches Buch beschäftigte uns?

Thomas Melle - Die Welt im Rücken

Über den Autor:
© Karsten Thielker - Thomas Melle




















Gebürtig in Bonn. Schreibt Romane, Theaterstücke und übersetzt. 



Kurz zusammengefasst:

Die Chronik eines manisch-depressiven Schriftstellers. 
Thomas Melle erzählt offen, ehrlich und schonungslos über seine chronische Krankheit. Danke dafür.

Wer sollte das Buch lesen? 

Alle, die besser verstehen wollen, wie es ist manisch und/oder depressiv zu sein. Es ist ein in jeder Hinsicht anschauliches Lehrbuch. 

Und warum? 

Erstens macht Melles Sprache süchtig und zweitens ist es hier der selbst betroffene Autor, der dem Leser die Tür in die Welt eines psychisch Kranken öffnet. Nach dem Lesen wissen wir mehr und sind deswegen klüger.   

Details:

Großartiger Anfang, hängt in der Mitte etwas durch und gibt am Ende richtig Gas.
Einige Protagonisten kennen wir.

Atmosphäre:

Von einer irren, kalten Hand gepackt irrlichterten wir mit Melle zusammen durch das Nach-der-Wende-Berlin - Kneipen, Feste, Psychiatrie, geschlossene Abteilung, Freundschaften, die zerbrechen - ganz unten sein und wieder raus aus dem Wahnsinn - wie lange? Keiner weiß es. 

Die ersten vier Sätze:

"Ich möchte Ihnen von einem Verlust berichten. Es geht um meine Bibliothek. Es gibt diese Bibliothek nicht mehr. Ich habe sie verloren."

Zitat aus dem Buch:

"Der Schatten ist so schnell nicht mehr wegzukriegen. Wo man bei anderen eine depressive Verstimmung diagnostizieren würde, kann bei mir, unter diesen Umständen und Verformungen, schon von einem stabilen Gemütszustand gesprochen werden. Andere würden da ins Krankenhaus gehen, ich gehe ins Kino."

Unser Fazit:

Ein wortgewaltiges und herzzerreißendes Buch. Keine leichte Kost, aber wer die haben will, kann auch ins Kino gehen.   




Die Entscheidung fiel auf: 


Nächster windschiefer Abend:

07. April 2017


1.3.17

9.2.17

GERHARD RICHTER *

ist heute 85 Jahre alt geworden. Herzlichen Glückwunsch.


Beyeler-Lesende-1994-San-Francisco-Museum-of-Modern-Art-©-2014-Gerhard-Richter

8.2.17

MORNING COFFEE

Malcolm T. Liepke (American, b. 1954) , Morning Coffee.

5.2.17

SONNTAG OHNE SONNE

1. Zeit zu lesen ... endlich
2. neue Strategien entwickeln ... gegen den Irrsinn in dieser Welt ... sofort
3. Teekochen ... mit Milch
4. NO PASARAN!

30.1.17

20.1.17

CHARLES-JOSEPH TRAVIÉS - DIE KRITIK

Критика. Карикатура Травьеса. 1830-е годыBibliothèque des Arts décoratifs / Bridgeman Images / FotodomCharles-Joseph Traviès - Die Kritik

17.1.17

B. OBAMA ÜBER DAS LESEN



Transcript: President Obama on What Books Mean to Him

Interview with Michiko Kakutani, the chief book critic for The New York Times

16.1.17

NEUER LESESTOFF

Dominique Manotti - Madoffs Traum



















Wer sollte das Buch lesen? 

Alle, die schon mal in die Gedankenwelt eines Bernie Madoff eintauchen wollten, um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass 2008 die Börse BUMM machte.  

Und warum?

Weil es so spannend und gut geschrieben ist, wie die Geschichten eines Profilers. 

Über die Autorin:
© unbekannt 












Dominique Manotti ist das Pseudonym der Mme Marie-Noëlle Thibault. Mme ist Romanautorin, Historikerin und Französin. Die Welt erblickt sie am 24.12.1942 in Paris. Manotti ist politisch engagiert und sieht sich selbst als Rätekommunistin. Irgendwann liest sie James Ellroy, der sie zum Schreiben von Kriminalromanen inspiriert. Ihr erstes Buch entsteht mit 50.

Kurz zusammengefasst:

Bernie Madoff sitzt in North Carolina im Bundesgefängnis von Butler und denkt über seinen Traum nach, der zu seinem persönlichen Alptraum wurde. 

Details:

ein scharf skizziertes Psychogramm auf nicht mal 60 Seiten 

Atmosphäre:

verkokst, gierig und kalt

Zitat aus dem Buch - hier der Anfang:

Ich sitze auf einer Steinbank in der prallen Sonne. Ein schöner Sommertag. Der Stein ist warm. Der Garten vor mir ist gut gepflegt. Der Rasen gemäht, gewässert, schnurgerade Buschreihen, alle identisch. In der Mitte ein Baum, zu einer Kugel beschnitten. Was für einer? Keine Ahnung. Ich bin ein Mann der Städte, des Betons und Asphalts. Von Bäumen verstehe ich nichts. Und der hier soll mich bis zu meinem Tod begleiten. Unerträglicher Gedanke.

Originalzitat der Autorin:

Eine Gesellschaft hat die Helden, die sie sich fabriziert, die Helden, die sie verdient. Wir sind hier nicht in den Vereinigten Staaten? Noch nicht. Schauen Sie sich Madoff gut an: Er ist der Held Ihrer kommenden Jahre. Sie haben Angst? Das verstehe ich. Ich auch. Und ich bin immer noch zornig.

(Dominique Manotti, Mai 2014) 

13.1.17

ENTDECKUNG - H. C. Artmann



meine heimat...
"Meine heimat ist Osterreich, mein vaterland europa, mein wohnort Malmoe, meine hautfarbe weiss, meine augen blau, mein mut verschieden, meine laune launisch, meine raeusche richtig, meine ausdauer stark, meine anliegen sprunghaft, meine sehnsuechte wie die windrose, im handumdrehen zufrieden, im handumdrehen verdrossen, ein freund der froehlichkeit, im grunde traurig, den maedchen gewogen, ein grosser kinogeher, ein liebhaber des twist, ein uebler schwimmer, an schiessstaenden marksman, beim kartenspiel unachtsam, im schach eine null, kein schlechter kegler, ein meister im seeschlachtspiel, im kriege zerschossen , im frieden zerhaut, ein hasser der polizei, ein veraechter der obrigkeit, ein brechmittel der linken, ein juckpulver der rechten, unbehaglich schwiegereltern, ein vater von kindern, ein judas der muetter, treu wie Pilatus, sanft wie Puccini, locker wie Doctor Ward, schuechtern am anfang, schneidig gen morgen, abends stets durstig, in konzerten gelangweilt, gluecklich beim schneider, getauft zu St. Lorenz, geschieden in Klagenfurt, in Polen poetisch, in Paris ein atmer, in Berlin schwebend, in Rom eher scheu, in London ein vogel, in Bremen ein regentropfen, in Venedig ein ankommender brief, in Zaragoza eine wartende zuendschnur, in Wien ein teller mit spruengen, geboren in der luft, die zaehne durch warten erlernt, das haar nach vorne gekaemmt, die baerte wie schlipse probiert, mit frauen im stehen gelebt, aus baeumen alphabete gepresst, karussells in waeldern beobachtet, mit lissabonerinnen ueber stiegen gekrochen, auf tourainerinnen den morgen erwartet, mit glasgowerinnen explodiert und durchs dach geflogen, catanesinnen verraten, kairenserinnen bestuerzt, bernerinnen vergoettert, an pragerinnen herangetreten, gruessgott gesagt, feigen gestohlen, revolver entdeckt, aus booten gestiegen, papierdrachen verwuenscht, masken verfertigt, katakomben gemietet, feste erfunden, wohnungen verloren, blumen geliebt, schallplatten verwuestet, 150 gefahren, unrat gewittert, lampione bewundert, monde verglichen, nasen gebrochen, parapluies stehengelassen, malaiisch betrieben, positionen ersonnen, bonbons zertreten, musikautomaten geruettelt, dankbar gewesen, heidenangst verspuert, wie der hirsch gelaufen, die lunge im maul gehabt, unter rosen geweilt, spielzeug gebastelt, rockaermel verpfuscht, Mickey Spillane gelesen, Goethe verworfen, gedichte geschrieben, scheisse gesagt, theater gespielt, nach kotze gerochen, eine flasche Grappa zerbrochen, mi vidy gefluestert, grimassen geschnitten, ciao gestammelt, fortgegangen, a gesagt, b gemacht, c gedacht, d geworden.
alles was man sich vornimmt, wird anders als man sichs erhofft ..."

(aus: h.c. artmann: das suchen nach dem gestrigen tag oder schnee auf einem heissen brotwecken. eintragungen eines bizarren liebhabers. freiburg. 1964)

9.1.17

WINDSCHIEF B46

Wieso? Weshalb? Warum? - Wer nicht fragt - bleibt dumm.

Wie ist das möglich, dass Bodo Kirchhoff für "Widerfahrnis" den Deutschen Buchpreis 2016 erhielt?

Eine sehr magere Geschichte, ein schlicht gestricktes stilistisches Konzept mit farblosen Charakteren. Perfekt an der Toskanafraktion entlang geschriebselt. Ah, Italien, wat bist Du schön. Mehr Langeweile ist kaum möglich. Eine völlig jeglichen Knisterns ferne Liebesgeschichte. Unerträglich. Schlussendlich müssen Flüchtlinge hineingerührt werden, kann ja nicht schaden. Kitsch as Kitsch can. 
Ab und an ein richtig guter Satz, der Atmosphäre entstehen lässt.

Ja,im Gegenteil, er erkannte etwas wieder, das sich schon fast verflüchtigt hatte, nur noch in Spuren existierte, wie die frühen Zeichen, dass man zu Hause war, der Duft des Bügeleisens auf besprengter Wäsche, das Licht einer Stehlampe mit Faltenschirm, das Knacken aus den Heizrohren und ein Geraschel beim Zeitungsblättern, hinter der Zeitung Zigarettendunst und das mütterliche Sonntagsseufzen.
(S.73)

Dieser Mann kann zweifellos schreiben, aber mit diesem Buch ist uns Schreckliches widerfahren.

Möge das Jahr 2017 mit einem Besseren beginnen. Kommen wir zu den Vorschlägen.


C.K.
Daniel Woodrell - Der Tod von Sweet Mister

M.Sch.
Thomas Melle - Die Welt im Rücken

P.P.
Georges Simenon - Maigret und sein Revolver

hier ist das passende Hörspiel

R.W.
Ljudmila Ulitzkaja - Die Kehrseite des Himmels

A.B.
Robert Seethaler - Der Trafikant


Wir wählten zum nächsten Treffen am 03.02.17




Bonmot des Abends (M.Sch.):

"Da hast Du Dir aber ein schönes Haus gebaut!"

Überhaupt ein guter Abend war's und ein wunderbarer Start in das neue Jahr.

Einige haben gefehlt.